Mittwoch, 27. September 2017

aktueller chat mit Peter Schneider

hier können sie einen austausch verfolgen, den die idiotenspeaker mit Peter Schneider schriftlich führen:

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20. September 2017

lieber herr schneider
Als sie bei uns zu besuch waren, sind wir ja am ende bei den kategorien gelandet. Oder eher bei sinn und unsinn von kategorisierungen wie ‘neurotypisch’ und dergleichen. Ich frage mich, wie wir etwas benennen können, um überhaupt unterscheidungen machen und über etwas reden zu können, ohne aber immer mit dem wort auch schon zu werten und einen rattenschwanz an annahmen aufzurufen, die wir gar nicht meinen. Gibt es da einen weg, ohne mir den mund fuselig zu reden? Denn das kann ich nicht.


Lieber Herr Kaspar
Es ist klar, dass bei Kategorien immer ein Teil - das Individuelle, nicht Verallgemeinerbare - unter den Tisch fällt. Dafür sind Kategorien allerdings auch gemacht. In der Taxonomie der Pflanzen durch das Linnésche System, funktioniert das erstaunlich gut. Jedes einzelne Gänseblümchen hat seinen eigenen Charme, aber der wird ihm durch seine Einordung in die Familie der Korbblütler auch nicht genommen. Dieses System hat sich auch unter modernen genetischen Gesichtspunkten als ziemlich stabil erwiesen. Das Raster der sprachlichen Kategorien bildet die Wirklichkeit offenbar gut nach. Die Kategorisierung der Geisteskrankheiten, der psychischen Krankheiten, der psychischen Störungen (so die Terminologie in chronologischer Reihenfolge) hingegen unterliegt weit grösseren Änderungen. Hier bildet die Sprache Unterschiede nicht nur ab, sondern schafft auch Differenzen, die auch anders kategorisiert werden können. Trotzdem sind die diesbezüglichen Kategorien nicht einfach nur willkürlich und auch nicht bloss stigmatisierend. Sie kennen gewiss den Spruch "Wenn Du einen Autisten kennst, kennst Du EINEN Autisten". Ich glaube, dass diese Individualisierung des Autismus auf eine paradoxe Weise eine Folge gerade seiner Kategorisierung darstellt. Die Diagnose "Autismus" ist ja relativ neu. Sie stammt aus den vierziger Jahren von Kanner und Asperger, aber meiner Meinung nach hat sie sich erst um einiges später wirklich durchgesetzt und ist erst in den 80er Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. In der Kategorie "Autismus" steckt tatsächlich ein Rattenschwanz an Vorurteilen und Annahmen. Aber nicht alle sind dumm. Zum Beispiel gehört zu der Kategorie "Autismus" auch die Einsicht, dass autistische Menschen nicht "geistig minderbemittelt" sind, sondern dass dieser Eindruck lediglich ein Effekt der Art und Weise ist, wie man sie behandelt hat, nämlich in psychiatrischen Institutionen weggesperrt und aufbewahrt. Mit der neuen Diagnose des "Autismus-Spektrums" wird zudem anerkannt, dass es keine exakte Grenze zum Neurotypischen gibt, sondern Übergänge. Dadurch wird zwar nicht jede Wertung ausgeschlossen, aber die Autist*innen erscheinen nicht mehr als die Aliens, als die sie zuweilen beschrieben wurden, sondern als Wesen von ein und derselben Welt.


peter schneider hat die frage des querdenkers und seine antwort auch als seine heutige (20.9.17) kolumne im tagesanzeiger genommen (Redaktion Idiotenspeak).

27.September 2017

lieber herr schneider,
ich bin nicht ganz einverstanden. Ihre fakten stimmen nicht ganz. Nicht-sprechende autisten im low functioning bereich des spektrums werden in der fachliteratur sehr wohl mit intelligenzminderung klassifiziert. Wir sind zwar beispiele dafür, dass das nicht stimmt. Aber es wird so gelehrt und führt dazu, dass wir in den einrichtungen so behandelt werden und nur minderwertige kommunikationsförderung erhalten. Hier ist die kategorisierung gefährlich in der praktischen auswirkung.
C. Steiner



kategorien als platzhalter funktionieren nur, wenn sich die sprecher bewusst sind, dass sie nicht passen oder nur in wenigen details. Im alltag ist das nicht so. und da wird das ganze gefährlicher als ein kugel-atommodell, das man für bare münze nimmt. Nämlich existentiell.



1 Kommentar:

  1. Guten Abend, ich bin auf euren Blog gestossen durch das Netzwerk UK (unterstützte Kommunikation) in der Schweiz. Ich bin seit Jahren Begleiter und Assistent für eine Frau ohne Lautsprache und wir halten zusammen Referate an Ausbildungsstätten im sozialen Bereich, um die Sicht auf den Menschen nicht durch Diagnosen verstellen zu lassen. Eure Erfahrungen und die Verbitterung, die oft mitschwingt, kann ich nach 20 Jahren in Institutionen gut nachvollziehen. Dennoch kann ich nicht die Medizin oder die gängingen Ausbildungs-Stereotypen für die Misere verantwortlich machen, denn wir entscheiden immer noch selbst, ob wir den Menschen sehen wollen, oder der Einfachheit halber Diagnosen und Schubladen vorziehen, um uns den "sozialpädagogischen Alltag" regeln zu können, ohne uns auf Menschen einzulassen. Zugegeben, ausserhalb von Institutionen fällt das oft leichter, aber man trifft doch immer wieder auf Menschen, die dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen, sei es auf Beistandschaften, Sozialdiensten und anderen Ämtern, in Arztpraxen und Wohngruppen und einfach auf der Strasse. Und gegenüber anderen ist Ironie ein probates Mittel, den eigenen Ärgerpegel niedrig zu halten und trotzdem vielleicht etwas zu denken zu geben. Lieber Gruss aus der Schweiz, ianspe

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