Mittwoch, 20. September 2017

aktueller chat mit Peter Schneider

hier können sie einen austausch verfolgen, den die idiotenspeaker mit Peter Schneider schriftlich führen:

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20. September 2017

lieber herr schneider
Als sie bei uns zu besuch waren, sind wir ja am ende bei den kategorien gelandet. Oder eher bei sinn und unsinn von kategorisierungen wie ‘neurotypisch’ und dergleichen. Ich frage mich, wie wir etwas benennen können, um überhaupt unterscheidungen machen und über etwas reden zu können, ohne aber immer mit dem wort auch schon zu werten und einen rattenschwanz an annahmen aufzurufen, die wir gar nicht meinen. Gibt es da einen weg, ohne mir den mund fuselig zu reden? Denn das kann ich nicht.


Lieber Herr Kaspar
Es ist klar, dass bei Kategorien immer ein Teil - das Individuelle, nicht Verallgemeinerbare - unter den Tisch fällt. Dafür sind Kategorien allerdings auch gemacht. In der Taxonomie der Pflanzen durch das Linnésche System, funktioniert das erstaunlich gut. Jedes einzelne Gänseblümchen hat seinen eigenen Charme, aber der wird ihm durch seine Einordung in die Familie der Korbblütler auch nicht genommen. Dieses System hat sich auch unter modernen genetischen Gesichtspunkten als ziemlich stabil erwiesen. Das Raster der sprachlichen Kategorien bildet die Wirklichkeit offenbar gut nach. Die Kategorisierung der Geisteskrankheiten, der psychischen Krankheiten, der psychischen Störungen (so die Terminologie in chronologischer Reihenfolge) hingegen unterliegt weit grösseren Änderungen. Hier bildet die Sprache Unterschiede nicht nur ab, sondern schafft auch Differenzen, die auch anders kategorisiert werden können. Trotzdem sind die diesbezüglichen Kategorien nicht einfach nur willkürlich und auch nicht bloss stigmatisierend. Sie kennen gewiss den Spruch "Wenn Du einen Autisten kennst, kennst Du EINEN Autisten". Ich glaube, dass diese Individualisierung des Autismus auf eine paradoxe Weise eine Folge gerade seiner Kategorisierung darstellt. Die Diagnose "Autismus" ist ja relativ neu. Sie stammt aus den vierziger Jahren von Kanner und Asperger, aber meiner Meinung nach hat sie sich erst um einiges später wirklich durchgesetzt und ist erst in den 80er Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. In der Kategorie "Autismus" steckt tatsächlich ein Rattenschwanz an Vorurteilen und Annahmen. Aber nicht alle sind dumm. Zum Beispiel gehört zu der Kategorie "Autismus" auch die Einsicht, dass autistische Menschen nicht "geistig minderbemittelt" sind, sondern dass dieser Eindruck lediglich ein Effekt der Art und Weise ist, wie man sie behandelt hat, nämlich in psychiatrischen Institutionen weggesperrt und aufbewahrt. Mit der neuen Diagnose des "Autismus-Spektrums" wird zudem anerkannt, dass es keine exakte Grenze zum Neurotypischen gibt, sondern Übergänge. Dadurch wird zwar nicht jede Wertung ausgeschlossen, aber die Autist*innen erscheinen nicht mehr als die Aliens, als die sie zuweilen beschrieben wurden, sondern als Wesen von ein und derselben Welt.


peter schneider hat die frage des querdenkers und seine antwort auch als seine heutige (20.9.17) kolumne im tagesanzeiger genommen (Redaktion Idiotenspeak).

Mittwoch, 13. September 2017

Geschenk (von Gastblogger 'der Biologe)



Liebe leserinnen und leser
Ich freue mich, wieder zu bloggen heute. Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, wie viel mir diese möglichkeit bedeutet, mit der welt ausserhalb des behindertenheims zu kommunizieren. Auf normale weise in einem blog, der gelesen wird von leuten, die nicht dafür bezahlt werden, dass sie sich für mich zeit nehmen.

Für nichtbehinderte ist es selbstverständlich, ihre gedanken und gefühle in sprache zu fassen und sie mit anderen menschen zu teilen. Ich habe nur selten gelegenheit, etwas zu sagen. Entweder, weil keine kompetente assistenz da ist oder kein gesprächspartner. Oder beides. Für mich ist bloggen das einzige fenster zur kommunikation mit der normalen welt. Ein geschenk.

Mittwoch, 6. September 2017

handbuch: anker


Unsere eigenheiten in der verarbeitung von wahrnehmungen führen oft zu einem zustand der unverbundenheit mit der aussenwelt. Manchmal kommt es auch zu einer totalen überflutung, und wir können uns nicht mehr orientieren, geschweige denn steuern und handeln.

Die auswirkungen sind unterschiedlich. Die einen schreien, andere ziehen sich zurück, schlagen sich oder rennen rum. alles um wieder geerdet und sortiert zu sein. Repetitive, einfache handlungen oder bewegungen sind dafür auch sehr beliebt.

Aber das beste – mit abstand – ist ein guter anker. Das ist in der regel ein mensch, der uns eben in der welt um uns herum verankern kann, so dass wir die verbindung nicht verlieren und bei überflutung den weg wieder finden.

Anker sind toll aber rar. Denn sie müssen halt geben ohne zu bestimmen oder zu vereinnahmen. Die meisten können das eine oder das andere nicht. Aber ein guter anker ist das allerbeste.

Mittwoch, 30. August 2017

weiter herausgefordert



Vielen dank für die kommentare und gedanken zu unserem post ‘intellektuell herausgefordert’ von vor zwei wochen. Es ist eine spannende frage, und wir möchten diese diskussion gerne weiterführen.

Wir unterstellen niemandem bösen willen, der idioten wie uns, die nicht sprechen können und ihren körper nicht im griff haben, für geistig behindert hält. Uninformiert, ja. Uninteressiert und gleichgültig, manchmal. Ängstlich und gedankenarm, ziemlich oft. Aber in der regel doch mit gutem willen zum helfen. In der betreuung nicht selten unter anstrengenden arbeitsbedingungen und mit wenig ressourcen im erwachsenenbereich. Aber das ist eine kombination, bei der gut gemeint dann oft nicht zu gut im alltäglichen resultat für uns führt.

Es ist grundsätzlich sicher ein guter ansatz, sich auf dinge und leute im umfeld zu konzentrieren, bei denen es positiv läuft. Wir versuchen auch in diesem blog immer wieder aufzuzeigen, wie interaktionen gut gelingen können. Wenn aber so grundlegende dinge wie sich im alltag äussern zu können, gesehen zu werden in seinem wissen und können oder eine ausbildung und arbeit wählen zu können nicht gegeben sind, dann überschattet dies alles andere.

Und wie ein anderer idiotenbruder einmal meinte zu einem betreuer, der von ihm gern etwas mehr positivität im alltag gesehen hätte: ‘du arbeitest hier, ich lebe hier.’